Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde
 Universitätsmedizin Leipzig

Geschichte

Klinische Heimat und Wurzeln in Leipzig Geschichte eines Zeitzeugen

Die Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik
Die ärztliche Mannschaft
Professor Wilhelm Lange
Die Poliklinik
Der Hörprüfraum
Die Untersuchungen
Erster Eindruck des Anfängers
Verletzungen
Fremdkörper in Speiseröhre & Bronchien
Die Septumoperation
Operationen am Ohr
Das Meißeln am Ohr
Über den Nervus fazialis
Situation der Ärzte in den Anfangsjahren der DDR
Große Fortschritte in der HNO-Heilkunde
Nach 1951

Nach einem Jahr in Eisenach, immer bei Infektionskranken, sah ich, dass dort nicht genug zu lernen war. Ich wollte an eine Universität. Weil damals ein älterer Bruder von mir in Leipzig lebte, versuchte ich, dort Fuß zu fassen. Ich fand auch eine - allerdings unbezahlte - Stelle in der Medizinischen Universitätspoliklinik. Da begann für mich eine üble Zeit: Die Stadt war grausam zerstört, ich wohnte in einem unbeheizten Zimmer, konnte mich nur in der Klinik wärmen und hatte immer Hunger. Leipzig war alles andere als eine anregende neue Heimat. Versuche, für die Zukunft bezahlt in der Gynäkologie oder auch Pathologie unterzukommen, waren erfolglos. Da kam eines Tages ein Mann in die Poliklinik, von dem es hieß, er wäre so eine Art Oberarzt an der Hals-Nasen-Ohrenklinik, für mich armes Würstchen also eine ungeheuer abgehobene Respektperson. Den fragte ich, in Erinnerung an meine Tracheotomierlebnisse, ob vielleicht irgendwann einmal in dieser Klinik eine bezahlte Stelle zu haben sei. Der Mann - es war Günther Habermann, später Professor an der Universität Frankfurt und Chefarzt in Höchst - musterte mich streng von oben bis unten und meinte dann, dass sich das wohl machen ließe. So waren bald die Weichen gestellt. Ich arbeitete noch einige Zeit - natürlich auch unbezahlt - in der Chirurgie, ehe ich in mein künftiges Spezialgebiet einstieg.

Die Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik in der Liebigstrasse war ein 35 Jahre altes, ansehnliches Gebäude, ein zugehöriges Bettenhaus war im Bombenkrieg zerstört worden. So waren die Patienten in allen verfügbaren Zimmern des Hauptgebäudes dicht belegt untergebracht. Der Operationsraum war anfangs noch im Keller. Alles war recht einfach und in mancherlei Hinsicht improvisiert.

Die ärztliche Mannschaft bestand - eine Frau ausgenommen - nur aus Kriegsteilnehmern, darunter einigen, die schon fast Facharzt waren und die Klinik dann bald verließen. Von ihnen und von Habermann, der bald offizieller Oberarzt wurde, lernte man sein Handwerk. Alle, geprägt durch die Kriegserlebnisse, waren in Freundschaft verbunden, bildeten eine prächtige Gemeinschaft und feierten fröhliche Feste. In der Ablehnung der russischen Besatzer und ihrer Satelliten, der SED-Funktionäre, waren wir uns einig. Meines Wissens war damals keiner ein Parteimitglied. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass zu dieser Zeit politische Pressionen oder Indoktrinationsversuche uns Ärzten gegenüber nicht zu verzeichnen waren. Viele ältere Kollegen waren bei Kriegsende in den Westen abgewandert, es herrschte daher ein gewisser Mangel an qualifizierten Klinikärzten, auch bestand ja immer die Gefahr, dass weitere das Land verließen. Da wurden wir politisch in Ruhe gelassen. So konnte ich, ohne jemals in einer Partei oder einer anderen Organisation politisch engagiert zu sein, meinen beruflichen Weg gehen.

Der Ordinarius war Professor Wilhelm Lange, ein bedeutender Wissenschaftler, der viel zu den pathologisch-anatomischen Grundlagen unseres Faches beigetragen hatte. Er war bei meinem Dienstantritt schon weit über 70 Jahre alt und kam nur noch vormittags in die Klinik, hauptsächlich, um im Laboratorium an und mit histologisch verarbeiteten Felsenbeinen zu arbeiten. Da konnte er uns Jungen seinen Rat geben, operiert hat er aber nur noch ausnahmsweise. Er muss in jüngeren Jahren ein strenger Chef gewesen sein. So soll er keine verheirateten Assistenten an seiner Klinik geduldet haben. Nun aber, nachdem er selbst erst mit etwa 60 Jahren sein Junggesellendasein aufgegeben hatte, war er in dieser Hinsicht nachsichtig. Ich weiß noch, wie ich einmal in seinem Haus, in dem vier Kinder umhertobten, etwas abzugeben hatte. Da zeigte er auf dem Kleinsten und sagte: "Vorsicht, Fleischer, der spuckt!" Er soll auch früher in seiner Junggesellenzeit seine Privatsprechstunde vernachlässigt haben, um ungestört im Laboratorium zu arbeiten. So sei einmal die Sekretärin zu ihm gekommen mit der Aufforderung, doch nun mit der Sprechstunde anzufangen, einige Privatpatienten seien schon über eine Stunde im Wartezimmer. Da habe er gesagt: "Lassen sie sie noch eine Stunde warten, vielleicht gehen sie von alleine wieder fort."

Streng war er jetzt immer noch, und zwar in seiner Kritik an wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Da hörte ich, wie er zu der Publikation eines prominenten Otologen sagte: "Ja, ja, der Herr .... XY ... veröffentlicht gern das, was ihm neu ist." Er war von großer persönlicher Bescheidenheit, jede Art von Selbstdarstellung und Überheblichkeit war ihm fremd.

Die an der Klinik vielfach schon seit Jahrzehnten tätigen Schwestern erzählten uns mitunter vom früheren Betreib und von allerlei Vorkommnissen, vor allem über einstmals an der Klinik tätige Ärzte, und vermittelten uns damit so etwas wie eine Kliniktradition. Da war die Rede beispielsweise von Moritz Weber, der nach Studienjahren in den USA an die Klinik kam, um seine Otosklerose-Forschung weiter zu betreiben und sich zu habilitieren. Ich habe ihn, der dann in Karlsruhe Chefarzt war, als einen sehr befähigten und überaus witzigen Mann kennen gelernt. Das konnte man auch an seinen Krankenblättern sehen. Einmal fand ich darin einen Verlaufsbericht mit dem Satz: "Der Patient hat Schweißfüße und wird deshalb in den Garten geschickt." Ein anderer besonders bedeutender Vorgänger als Oberarzt der Klinik war Bernhard Langenbeck, später in Bonn Klinikchef. Er hatte sich schon früh in Leipzig mit dem Aufbau der Audiologie einen Namen gemacht.

Die Poliklinik war ein nicht unterteilter großer Raum im Erdgeschoss. Zwei kleine Nebenräume waren für die Hörprüfung und die Vestibularisprüfung - mit einem einfachen handbetriebenen Drehstuhl - sowie die Kieferhöhlenspülung vorgesehen, ansonsten spielte sich alles in einer heute kaum mehr hinnehmbaren Öffentlichkeit ab. Lautstark wurden Schwerhörige nach ihrer Anamnese befragt, Kinder brüllten usw.

Im Hörprüfraum stand ein Audiometer-Ungetüm, wohl das von Langenbeck mitentwickelte "Otaudion", das furchtbar umständlich zu bedienen war und nie benutzt wurde. Man begnügte sich mit Stimmgabeln. Damals wie heute waren Schwindel-Patienten, für die man viel Zeit brauchte, bei den Poliklinikärzten nicht beliebt. Die Schalterangestellte wurde dann mit etwas Essbarem bestochen, damit sie einem möglichst weniger solcher Patienten zuteilte. Da aber die Kollegen dies auch taten, war der Nutzen gering.

Die Untersuchungen wurden mit Reflektor, Ohrtrichtern, Nasenspekula und Kehlkopfspiegeln ausgeführt. Endoskope waren nicht vorhanden. Die große Kunst, indirekt, also mit dem Kehlkopfspiegel und mit dem abgebogenen Doppellöffeln oder Stanzen beispielsweise Kehlkopfpolypen abzutragen, die unsere Vorgänge perfekt beherrscht hatten, wurde fleißig geübt. Da bald eine größere Hierarchie an Habilitierten oder älteren Assistenten fehlte - sie waren abgewandert oder wegen politischer Belastungen in der NS-Zeit ausgeschieden -, wurde man schon früh gefordert und war in manchen Dingen schon bald zu selbständigem Handel gezwungen. Das war also, was man heute "Learning by doing" nennt. Nach wenigen Wochen schon wurde ich zum Nachtdienst eingeteilt. Der war unbezahlt, was man als selbstverständlich hinnahm, auch ging es am anderen Morgen ohne Ruhepause weiter, Samstag immer bis in den Nachmittag. Ein kleines Anfängererlebnis: In der Nacht kam ein Mann mit einem Peritonsillarabszess. Ich wusste schon, dass man den eröffnen muss, pinselte also mit 10 %igem Kokain - damals einem beliebten Schleimhautanästhetikum - und schnitt beherzt in die Vorwölbung. Aber es kam kein Eiter. Da sagte die diensthabende Schwester in bewundernswerter Diskretion: "Professor Langenbeck hat da immer die Kornzange genommen".

Gleich noch eine weitere Episode aus dieser Zeit. Es kam einige Male vor, dass der diensthabende Arzt aus dem Bett geholt wurde, weil nach Mitternacht ein Taxifahrer erschien mit dem Wunsch, sich die Ohren ausspülen zu lassen, "weil ich jetzt gerade Zeit habe ". Da gab es nun zwei Möglichkeiten. Entweder man explodierte und schmiss den Kerl hochkantig raus, was natürlich zu erregtem Wortwechsel führte und danach dann das Wiedereinschlafen erschwerte, oder man blieb still, pinselte beinahe noch im Halbschlaf eine bunte Flüssigkeit in die Ohren und forderte ruhig zu einem nochmaligen und notwendigen Besuch am nächsten Vormittag auf. Man konnte dann ohne größer Emotionen weiterschlafen und das Opfer musste zur Strafe tagelang mit bunten Ohreingängen herumlaufen.

Die Zeit war hart und die Menschen waren robust. Da sah ich mit Schaudern, wie die Adenotomie vor sich ging. Die ambulant einbestellten Kinder saßen nebeneinander auf einer Bank vor dem OP, das erste Kind wurde hereingeholt, festgehalten im Stuhl und ohne jede Anästhesie mit dem Fenstermesser adenotomiert. Dann begleitete man das blutende und heulende Kind mit seinem Gummibeutel vor Mund und Nase heraus auf die Bank und holte sich das nächste, natürlich schockierte Opfer herein. Das wurde dann doch abgeschafft und die Sache im Chloräthylrausch gemacht, wobei eine Schwester tropfte. Anästhesisten gab es noch nicht, ebenso wenig die Intubationsnarkose.

Ein erster Eindruck des Anfängers in dem neuen Fach war der, dass in großer Häufigkeit bei den überwiesenen Patienten bakteriell bedingte, meist eitrige Erkrankungen vorlagen. Der Eiter floss aus den Ohren, es gab ständig eitrige Sinusitiden, oft mit orbitalen Komplikationen, es gab immer wieder eitrige Erkrankungen an den Tonsillen, den Halslymphknoten, auch mit Abszessen in den Halsweichteilen. Die tonsillogene oder otogene Sepsis war keineswegs eine so solche Rarität wie heute. Oro- oder rhinogene Meningitiden, bei denen man zur Klärung die Lumbal- oder Okzipitalpunktion selbst vornahm, sahen wir oft in der Klinik, ab und zu auch einen Patienten mit einem Hirnabszess. Wir galten bei den Gynäkologen und Chirurgen als "Schmutzfinken", wegen unserer zwangsläufigen Beschäftigung mit infektiösem Material. Wir befanden uns ja noch in der frühen Ära der Antibiotika und diese waren kurz nach dem Krieg an deutschen Klinik praktisch nicht verfügbar. Daher gab es eine klare Notwendigkeit zum Handeln, eine gewisse Dramatik und in den meisten Fällen den alsbald greifbaren Erfolg und dankbare Patienten. Oft wurde um das Leben unserer Kranken Tag und Nach gekämpft. Die HNO hatte im Vergleich zu anderen klinischen Fächern eine Mortalität, ähnlich wie die Frauenheilkunde. Nur in der inneren Medizin und der Chirurgie war die Mortalität noch höher.

Die ersten Antibiotika kamen wohl erst Anfang der fünfziger Jahre zu uns, und auch dann zunächst in unzureichenden Mengen. Bis dahin wurden Sulfonamide eingesetzt, damals auch schon mit einem gewissen Erfolg, wie etwa die Heilungsstatistik der Meningitis zeigte. Später, als auch bei uns, in der inzwischen entstandenen DDR, Antibiotika in ausreichender Menge verfügbar waren, erlebten wir allmählich einen fundamentalen Wandel in unserem Krankengut. Die bakteriellen Komplikationen wurde seltener, weil die Ausgangserkrankungen, die Otitis, die Tonsillitis und Sinusitis, schon im Vorfeld beherrschbar wurden, also bei den Kollegen in der Praxis. Nun waren auch andere Eingriffe ohne übermäßige Bedrohung durch Komplikationen möglich, so vor allem die Tumorchirurgie und die plastisch-rekonstruktive Chirurgie. Die Entwicklung auf dem letzteren, für unser Fach so wichtigen Gebiet befand sich noch in den Anfängen. Hier hatte der Krieg manchen in den Lazaretten tätigen Ärzten die Möglichkeit gegeben, diesbezüglich Erfahrungen zu sammeln.

Verletzungen machten damals einen geringeren Anteil an unserer Tätigkeit aus als heute. Es gab noch wenige Autos und Motorräder und daher auch viel weniger Verkehrsunfälle und damit frontobasale Zertrümmerungen und andere Formen der Schädeltraumata. Einmal sahen wir etwas, was früher offenbar nicht so selten war, eine Hufschlagverletzung des Gesichtes, eine schlimme Sache.

Fremdkörper in der Speiseröhre oder den Bronchien wurden, außer bei Kindern, in Lokalanästhesie entfernt, bei Kindern in Äther-Tropfnarkose, was bei schwierigen Extraktionen dauernd zur Unterbrechung des Eingriffs für erneute Ätheranwendung zwang, wobei auch der Operateur einen ordentlichen Teil des Äthers abbekam. Ich erinnere mich, dass ich damals in anderen Klinik regelrechte Sammlungen von entfernten Fremdkörpern vorfand, sozusagen Trophäen, die man stolz vorzeigte. Das haben wir als lächerlich empfunden und nicht mitgemacht. Die Bronchoskopie - bekanntlich von dem Laryngologen Killian entwickelt - war damals noch ganz in der Hand der HNO-Ärzte. Man benutzte anfangs die Brünings-Rohre, die durch ein verschiebbares Innenrohr verlängerbar waren. Damals ging es viel um die bronchoskopische Diagnose des nun häufig diagnostizierten Bronchialkarzinoms.

Die Septumoperation wurde in Lokalanästhesie nach Killian vorgenommen, also nur mit einer Resektion des abgewichenen Knorpels. Eine Korrektur mit Rekonstruktion kannte man damals noch nicht. Auch die Tonsillektomie wurde in Lokalanästhesie ausgeführt. Die anderenorts geübte Kappung hyperplastischer Tonsillen, die Tonsillotomie, war bei uns verpönt.

Am Ohr wurde, wieder außer bei Kindern, fast immer in Lokalanästhesie operiert. Indikation waren meist eitrige Mastoitiden mit Einschmelzungen, bei denen die Mastoidektomie vorgenommen wurde, daneben auch verjauchte Cholesteatome, oft mit Komplikationen. Da war die Radikaloperation nach Stacke angezeigt. In Leipzig hatten vor dem Krieg in ihrer Privatklinik die Gebrüder Thies die Radikaloperation mit Hammer und Meißel vom Gehörgang aus entwickelt. Wir nannten das Verfahren, das ja heute üblich ist, die "Innenradikale". Wegen des dabei gefährdeten Fazialis durften da nur die älteren Assistenten operieren, wobei die assistierende Schwester ständig den Blick auf das Gesicht des Patienten gerichtet hatte und gegebenenfalls warnte: "Achtung, es hat gezuckt"! Eine Hörverbesserung wurde in der ersten Nachkriegszeit nicht angestrebt, man war bemüht, sanierend zu handeln, also die Krankheitsprozesse zu entfernen und dabei nach Möglichkeit die Mittelohrstrukturen zu erhalten. Ein Operationsmikroskop war bis etwa 1951 unbekannt, dann wurde eines im Eigenbau gebastelt. Die Arbeit am Knochen geschah immer mit Hammer und Meißel sowie der Knochenzange, bei großen Einschmelzungen auch z.T. mit dem Löffel. Die Fräse gab es noch nicht.

Die eitrige Mastoiditis mit Knocheneinschmelzung und - bei Kindern - mit Vorwölbungen über dem Mastoid (die sogenannte "Pflaume"), war in manchen Zeiten beinahe alltäglich. Bei einer Scharlachepidemie waren einmal vier solcher Eingriffe an einem Tag notwendig. Da bekam jeder Assistent bald Gelegenheit zum Operieren. Man lernte viel, auch musste mit Rücksicht auf die Patienten in der Lokalanästhesie zügig operiert werden. Natürlich wurden auch vorbereitende Übungen am Leichenfelsenbein verlangt, ehe ein Assistent operieren durfte.

Das Meißeln am Ohr in örtlicher Betäubung ist für den liegenden Patienten gewiss kein Spaß, auch wenn er mit seinem Kopf auf einem Kissen liegt, das die Erschütterungen mindern sollte. Bei jedem Schlag dröhnte der Kopf. Von einem dabei drohenden eventuellen Schallschaden wusste man zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Wir fragten einmal einen Patienten danach, wie es war. Er sagte gelassen: "Na ja, man ist es nicht gewöhnt." Wie gesagt, es war eine harte Zeit.

Einige Male habe ich auch Professor Lange bei Eingriffen am Ohr mit Hammer und Meißel operieren sehen. Mit seiner über 40-jährigen Erfahrung operierte er meisterhaft. Kurze, genau gezielte Schläge, die Knochenspäne flogen umher und im Nu war die Höhle ausoperiert. Das war auch bei anderen Altmeistern so, denen ich gelegentlich zusehen durfte so, wie bei Professor Eckert-Möbius in Halle und Professor Zange in Jena.

Problematisch waren endokranielle Komplikationen wie eine Sinusthrombose, eine Pyramideneiterung oder ein otogener Hirnabszess. Wenn man dann den betagten Chef anrief, um sich über die geeigneten Maßnahmen Rat zu holen, kam die schon aus meiner Anfangszeit vertraute Antwort: "Sehen Sie mal zu..." So habe ich, vor allem als ich nach dem Weggang von Habermann Oberarzt wurde und weitgehend auf mich allein gestellt war, oft autodidaktisch Erfahrungen sammeln müssen. Ich hoffe, nicht zum Nachteil für die Patienten.

Über den Nervus fazialis sagte man scherzhaft, dass er es war, der um die Jahrhundertwende die Allgemeinchirurgen davon abhielt, selbst Ohroperationen auszuführen, so dass der Nerv der eigentliche Begründer unseres Faches sei. Von uns wurde der Nerv damals ängstlich geschont, aber bei Lähmungen noch nicht angegangen, wie es heute üblich ist. Auch die Parotischirurgie, die ja im Zusammenhang mit dem Gesichtsnerv zu sehen ist, war noch nicht so umfassend wie heute. Tumorentfernungen und größere Probeexzisionen wurden aber schon häufiger durchgeführt. Das verschaffte meinem Oberarztkollegen am Pathologischen Institut, Gerhard Seifert (später Pathologie-Ordinarius in Hamburg), das Material, auf das er sich bei seinen wegweisenden Arbeiten über die Parotispathologie stützen konnte.

Die Leipziger Klinik hatte schon damals ein riesiges Einzugsgebiet. Sie war seinerzeit die einzige Fachklinik und in ganz Sachsen gab es für größere Eingriffe nur noch die Kliniken in Dresden und Chemnitz. So konnten wir über einen Mangel an Patienten nicht klagen. Das förderte natürlich die klinischen und operativen Erfahrungen.

Neben den erwähnten eitrigen Komplikationen erschienen auch viele Tumorpatienten. Anfangs gab es beim Kehlkopfkarzinom nur die Laryngofissur und die Chordektomie - auch in Lokalanästhesie. Die Kehlkopf-Totalexstirpation war in der Zeit ohne Antibiotika in Leipzig nicht durchgeführt worden und anderswo auch nur selten und mit hoher Komplikationsrate. Als es dann die Antibiotika gab, wurde man mutiger. 1952 habe ich dort die erste Exstirpation gemacht, nachdem ich mich in Halle und Jena umgesehen hatte, wo man da schon weiter war. Der Patient hat mir zu meiner Freude noch 20 Jahre lang Postkarten geschickt. Bald wurde die Krebschirurgie auch in anderen Regionen umfangreicher (Oberkiefer, Zunge, Hypopharynx), wie wohl an allen anderen großen Kliniken auch. Wie schon gesagt, spielte bei diesen Fortschritten und der wachsenden Radikalität bei solchen Eingriffen die Wirkung der Antibiotika eine Rolle. Die Intubationsnarkose mit einer hoch entwickelten Anästhesiologie gab es allerdings noch lange nicht.

Die Situation für die Ärzte in den Kliniken in den Anfangsjahren der DDR war im Vergleich zu denen der Kollegen in der Bundesrepublik viel schwieriger. Wir konnten uns nicht in anderen Ländern umsehen, hatten nur schwer Zugang zur ausländischen Fachliteratur und waren nicht mit neuesten Geräten ausgestattet. So waren wir immer in Sorge, als rückständig zu gelten und strengten uns an. Wir hatten da auch einen Vorteil, durch das große Krankengut schon in frühen Ausbildungsstadien Erfahrungen zu sammeln. Ein Beispiel für diese Situation: Etwa 1952 publizierte der Mailänder Laryngologe Pietrantoni in der schwedischen Fachzeitschrift seine Erfahrungen mit der von ihm entwickelten radikalen Halslymphknoten-Ausräumung bei malignen Tumoren an Rachen und Kehlkopf, der "Neck dissection". Da wollten wir nicht zurückstehen. So operierten wir in Leipzig sogleich viele Patienten nach Pietrantonis Angaben. Wir hatten vor, uns mit unseren Erfahrungen zu Wort melden, wenn wir über mehr Operationen berichten konnten, als Pietrantoni in seiner Arbeit angegeben hatte, war dachten an etwa 30 derartige Eingriffe, auch wollten wir abwarten, bis eine gewisse Beobachtungszeit abgelaufen war. Es dauerte bei dem Andrang von Tumorpatienten bei uns nicht lange, da war das Ziel erreicht. Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte mein späterer Freund Joseph Matzker aus der Mainzer Klinik die Mitteilung, dass mit diesem neuen Verfahren ein oder zwei Patienten operiert worden seien. Nun galten die Kollegen an der Mainzer Klinik als besonders modern, wir dagegen, die wir ein viel größeres Material hatte, als Hinterwäldler, die keine Beachtung verdienen.

Mit solchen Frustrationen lebte man. Ich kann sehr wohl verstehen, dass da auch später, als ich nicht mehr in der DDR war, eine gewisse Verbitterung aufkam, wenn die dort erbrachten Leistungen, noch dazu unter erschwerten Bedingungen, zu wenig Beachtung fanden.

Zu den großen Fortschritten in der HNO-Heilkunde, die in der Nachkriegszeit in Amerika, der Schweiz und zu großen Teilen in Westdeutschland gelangen, und die das Bild unseres Faches dann völlig veränderten, gehören die hörverbessernden Operationen. Da wurde die Fensterung des Bogenganges und später das Vorgehen am Stapes bei der Otosklerose sowie dann auch die funktionsverbessernden Verfahren bei Defektes am Mittelohr ein beglückendes neues Arbeitsgebiet, dem auch wir uns mit Feuereifer widmeten. Aber es war sehr schwer, mit dem Ausland und mit unseren Kollegen in Westdeutschland mitzuhalten, weil die technische Ausrüstung, von der Audiometrie bis zum OP-Mikroskop, nur mühsam zu beschaffen war. Aber uns begünstigte die große Fallzahl. Aus Sachsen allein kamen in kurzer Zeit so viele Otosklerose-Patienten, dass ansehnliche Statistiken möglich wurden. Wir hatten den Eindruck, dass in manchen Gebieten regelrechte "Otosklerose-Nester" vorlagen.

1951 kam ein Chef an die Klinik, Professor Tonndorf aus Dresden, ein hoch angesehener Kliniker, dessen große Zeit aber die "eitrige" HNO-Heilkunde war, und der Neues, etwa die hörverbessernden Eingriffe und die große Tumorchirurgie, nicht mehr aktiv betrieben hatte. Auch war er schon um die 65 und operiert fast nicht mehr. Er war uns ein fürsorglicher Chef und Berater und ließ und Jungen freie Hand. An die Klinik war Kurt Dietzel gekommen, älter als ich, aber durch lange Gefangenschaft fachlich weniger auf dem Laufenden als ich. Er stieg mit großem Einsatz und vielen neuen Ideen ein und stand mir bald als Oberarzt zur Seite. Wir wurden gute Freunde, es machte Freude, am Fortschritt der HNO-Heilkunde so unmittelbar beteiligt zu sein. Später wurde er Ordinarius in Greifswald und Rostock.

Juli 2004, mit freundlicher Genehmigung durch Prof.Konrad Fleischer, Emeritus für HNO-Heilkunde

Literaturnachweis

Leithäuser, Dieter: Spurensuche: Geschichten aus der HNO-Heilkunde / Dieter Leithäuser.
München: Urban und Vogel, 2002
ISBN: 3-89935-180-0

 
Letzte Änderung: 01.05.2012, 15:01 Uhr
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Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde